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Offener Brief zur Situation der Inklusion in Kindertageseinrichtungen in Augsburg

Inklusion in Kitas ist gewollt – doch in der Praxis scheitert sie oft an langwierigen Verfahren und fehlender Unterstützung. Ein offener Brief zeigt eindrücklich, wie engagierte Einrichtungen wie die BRK Kitas an strukturelle Grenzen stoßen und warum jetzt dringender Handlungsbedarf besteht.

Offener Brief zur Situation der Inklusion in Kindertageseinrichtungen in Augsburg

Sehr geehrte Verantwortliche aus Politik, Verwaltung und den zuständigen Stellen der Stadt Augsburg sowie des Bezirks Schwaben,

mit diesem offenen Brief möchten wir auf die aktuelle Situation rund um die Inklusion in Kindertageseinrichtungen aufmerksam machen. Ziel dieses Schreibens ist nicht, einzelnen Personen Vorwürfe zu machen, sondern auf strukturelle Herausforderungen hinzuweisen, die aus Sicht der Praxis dringend betrachtet werden sollten.

Viele Kindertageseinrichtungen in Augsburg arbeiten seit Jahren engagiert inklusiv und begleiten Kinder mit unterschiedlichsten Unterstützungsbedarfen im Alltag. Auch unsere Einrichtung verfolgt eine pädagogische Haltung, die Integration und Teilhabe als selbstverständlichen Bestandteil des Zusammenlebens versteht. Deshalb bemühen wir uns bewusst darum, auch Kinder aufzunehmen, deren Betreuung aufgrund komplexer Beeinträchtigungen mit besonderen Herausforderungen verbunden ist.

In einem aktuellen Fall betreuten wir einen Jungen mit angeborener schwerer Mehrfachbehinderung und einem anerkannten Behinderungsgrad von 100 Prozent. Das Kind war in vielen Bereichen des täglichen Lebens auf umfassende Unterstützung angewiesen. Unter anderem konnte das Kind nicht laufen, nicht sprechen, nicht krabbeln, nicht selbstständig aufstehen oder essen und benötigte in nahezu allen Alltagssituationen intensive Begleitung und Unterstützung. Zusätzlich bestanden Sehbeeinträchtigungen. Um eine sichere Teilhabe sowie die soziale Integration im Kita-Alltag gewährleisten zu können, wurde bereits im April 2025 eine Individualbegleitung beantragt.

Trotz umfangreicher Unterlagen, fachlicher Stellungnahmen und einer sozialmedizinischen Begutachtung wurde der Antrag zunächst abgelehnt. Gemeinsam mit der Familie wurde daraufhin Widerspruch eingelegt. Erst nach einer weiteren Begutachtung wurde der Bedarf schließlich anerkannt und bewilligt — zu einem Zeitpunkt, an dem seit Antragstellung bereits über ein Jahr vergangen war.

Während dieses gesamten Zeitraums wurde das Kind weiterhin in unserer Einrichtung betreut. Nicht, weil wir hierzu verpflichtet gewesen wären, sondern weil wir Familien in solchen Situationen nicht alleinlassen möchten und weil wir Inklusion aktiv leben wollen. Gleichzeitig zeigte dieser Fall deutlich die Grenzen auf, an die Einrichtungen dabei geraten können.

Viele Leitungskräfte und Teams verfügen im Alltag nicht über die zeitlichen und personellen Ressourcen, monatelange Verfahren intensiv zu begleiten, regelmäßig nachzufragen und gleichzeitig den laufenden Betrieb aufrechtzuerhalten. Inklusion darf jedoch nicht davon abhängig sein, wie viel zusätzliche Kraft einzelne Einrichtungen noch aufbringen können.

Besonders belastend war in diesem Fall, dass die Bewilligung letztlich zu spät erfolgte. Die Familie musste sich aufgrund der fehlenden Unterstützung nach einer anderen Einrichtung umsehen. Obwohl eine inklusive Betreuung grundsätzlich möglich gewesen wäre, wird das Kind nun künftig eine reine Fördereinrichtung besuchen. Aus unserer Sicht ist die Inklusion in diesem Fall gescheitert — nicht aufgrund fehlender Bereitschaft der Einrichtung oder der Familie, sondern aufgrund langwieriger Verfahren, fehlender Planungssicherheit und unzureichender struktureller Unterstützung.

Mit Sorge betrachten wir zudem die geplanten Änderungen im Antragsverfahren für Individualbegleitungen. Nach den neuen Vorgaben soll zunächst eine mehrwöchige Erprobungsphase stattfinden, bevor überhaupt ein Antrag gestellt werden kann. Einrichtungen sollen in dieser Zeit dokumentieren, welche Schwierigkeiten auftreten und welche Maßnahmen bereits ausprobiert wurden.

In der Praxis wirft dies viele Fragen auf. Gerade bei Kindern mit schweren und mehrfachen Behinderungen liegen häufig bereits vor dem Eintritt in die Einrichtung ärztliche Diagnosen, pädagogische Stellungnahmen und umfassende Entwicklungsberichte vor. Für viele Fachkräfte ist deshalb schwer nachvollziehbar, weshalb ein zusätzlicher Nachweis erst im laufenden Alltag erbracht werden muss, bevor Unterstützung beantragt werden kann.

Besonders im Krippenbereich entstehen dadurch erhebliche Schwierigkeiten. Viele Kinder verbleiben dort lediglich ein Jahr, bevor sie in den Kindergarten wechseln. Wenn zunächst eine Erprobungsphase abgewartet werden muss und sich daran anschließend lange Bearbeitungszeiten anschließen, besteht die Gefahr, dass Kinder einen großen Teil ihrer Betreuungszeit ohne die notwendige Unterstützung verbringen.

Zudem besteht die Sorge, dass die steigenden bürokratischen Hürden langfristig dazu führen könnten, dass Kindertageseinrichtungen künftig weniger bereit oder weniger in der Lage sind, Kinder mit schweren Beeinträchtigungen aufzunehmen. Viele Einrichtungen machen bereits jetzt die Erfahrung, dass Verfahren sehr belastend sind, Unterstützung schwer erreichbar ist und ein hoher Rechtfertigungsdruck entsteht, obwohl offensichtliche und fachlich belegte Unterstützungsbedarfe vorliegen.

Es ist nachvollziehbar, dass manche Einrichtungen unter diesen Bedingungen an ihre Grenzen geraten und sich aus Unsicherheit oder Überlastung gegen die Aufnahme schwer beeinträchtigter Kinder entscheiden könnten. Die Folge wäre jedoch nicht, dass weniger Unterstützung benötigt wird — sondern dass sich die Betreuung zunehmend in Fördereinrichtungen verlagert, die bereits jetzt vielerorts an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen.

Daher stellt sich aus Sicht vieler pädagogischer Fachkräfte die grundsätzliche Frage, ob Inklusion im frühkindlichen Bereich in Augsburg weiterhin aktiv gefördert und ermöglicht werden soll — oder ob bestehende Strukturen unbeabsichtigt dazu beitragen, dass inklusive Betreuung immer schwieriger wird.

Wir wünschen uns deshalb einen offenen Dialog darüber, wie Inklusion in Augsburg künftig verlässlich, praxisnah und im Sinne der betroffenen Kinder und Familien gestaltet werden kann. Dazu gehören aus unserer Sicht:

- schnellere und transparentere Verfahren,
- weiterhin verlässliche Ansprechpartner und niedrigschwellige Kontaktmöglichkeiten,
- realistische Bearbeitungszeiten,
- sowie die Möglichkeit, offensichtliche Unterstützungsbedarfe bereits vor Eintritt in die Einrichtung anzuerkennen.

Inklusion gelingt dann, wenn alle Beteiligten gemeinsam daran arbeiten, Barrieren abzubauen — nicht erst im Alltag der Einrichtungen, sondern bereits innerhalb der bestehenden Verwaltungsstrukturen.

Wir hoffen sehr, dass dieser Brief als konstruktiver Beitrag verstanden wird und dazu anregt, gemeinsam tragfähige Lösungen für die Zukunft zu entwickeln.

Mit freundlichen Grüßen

Mitarbeitende aus dem Bereich der frühkindlichen Bildung und Inklusion 

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